UTMB ANTE PORTAS

Als ich im Jahr 2013 auf Empfehlung von Lauffreund André Pristaff das Buch Eat & Run von Scott Jurek zu lesen beginne, ahne ich noch nicht, wohin die Reise führt. Nachdem ich 2012 mit 38 Jahren gerade erst erfolgreich in die Triathlon-Welt eintauche, bin ich mir eigentlich sicher das Ende der Fahnenstange erreicht zu haben. Doch Scott Jurek raubt mir mit seinen Geschichten den Atem. Laufen im Gelände? Über Berge? 50 Kilometer, 100 Kilometer, 170 Kilometer? What the fuck!? Ja. Das will ich auch.

Kurz darauf ziehe ich mir bei einem Radunfall einen Trümmerbruch im Handgelenk zu. Der Ironman 70.3 Zell am See muss ausfallen. Doch der behandelnde Unfallchirurg antwortet auf meine scherzhafte Frage, ob ich denn mit Gips dann zumindest an einem 50 Kilometer Bergrennen teilnehmen könnte mit einem emotionslosen Ja. Zwei Wochen später stehe ich nach meinem ersten Ultra mit Gipsarm am Podest des Linzer Bergmarathons. 2014 folgt beim Trailmaniak im Pitztal mein erster richtiger Gebirgslauf. Und ich muss zur Kenntnis nehmen, dass ich vom Berglaufen so viel Ahnung habe, wie Donald Trump von Diplomatie. Schwer gezeichnet – und fast ein wenig traumatisiert – komme ich aber in guter Position ins Ziel. Doch das Schicksal macht keine Pause: Wenige Tage später erreicht mich ein Anruf von Tom Schlegel. Ob ich denn nicht Lust hätte mit ihm am Transalpine Run teilzunehmen. Warum eigentlich nicht! Bestimmt eine großartige Vorbereitung auf den Ironman Hawaii, den es bereits einen Monat drauf zu bewältigen galt.

2015 folgen Hochkönig Man und Großglockner Ultra-Trail. Und langsam gewinne ich in den Bergen an Sicherheit. Und ich erfahre vom Ultra-Trail du Mont-Blanc: dieser inoffiziellen Weltmeisterschaft der Ultra-Trail Läufer. 170 Kilometer und 10.000 Höhenmeter rund um den höchsten Berg Europas. Kein Etappenlauf. Nein. Starschuss – und warten, wer zuerst das Ziel erreicht. Ein bisschen abartig. Im Jahr 2016 habe ich dann aber auch schon die notwendigen Qualifikationspunkte – werde aber nicht ausgelost. Ein Jahr darauf, im Jänner 2017, klappt es. Ich bin dabei!

Als ich dann vor einigen Wochen übermüdet und schlecht vorbereitet bei meiner dritten Teilnahme zum Großglockner Ultra-Trail nach 80 Kilometern aus dem Rennen aussteige, ist mir allerdings klar, dass ich den UTMB so nicht bezwingen kann. Mit meinem Ausstieg verbinde ich aber das Versprechen, ab sofort mein Training mit bedingungsloser Härte fortzuführen. Und wie versprochen bin ich in den letzten 4 Wochen knapp 600 Kilometer und 20.000 Höhenmeter auf den Beinen gewesen. Davon 11 Mal auf meinen Hausberg. Über das Tote Gebrige. Rund um den Königssee. Und nicht zuletzt 80 Kilometer von Linz nach Gmunden. Und ja: Jetzt bin ich bereit für den UTMB!

Noch 2 Wochen, also. Im Moment empfinde ich es weit entfernt. Doch die Tage werden schnell vergehen. Und während ich diese Sätze schreibe, durchfährt mich ein kurzer Schauer. Für eine Sekunde erahne ich das Gefühl, das mich erreichen wird, wenn ich am 1. September unter den Klängen Vangelis’ Conquest oƒ Paradise mit 2000 der besten Läufer der Welt in Chamonix meine bisher längste Reise antrete.

Bis dahin aber ein wenig runter vom Gas, weshalb ich meine heutige Laufeinheit sogar gegen ein kühles Bier getauscht habe. Nächste Woche noch drei, vier Läufe hoch zu Linzer Gis, dazwischen am Indoor Rad regenerieren und versuchen, so stark wie nur möglich an der Startlinie des UTMB zu erscheinen. Und dann heißt es nur noch – um mit den Worten von Scott Jurek abzuschließen – DIG DEEP! 🤘🏻

 

2 Gedanken zu “UTMB ANTE PORTAS

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