MEIN UTMB 2017

An welcher Stelle beginnt man einen Bericht über eine knapp 170 Kilometer lange Reise rund um den höchsten Berg der Alpen? An der Startlinie, im Ziel – oder in den Wiesen, Wäldern und Bergen, in denen man auf dieses Ereignis trainiert hat?

Ich weiß es nicht. Aber ich muss mich mit diesem Bericht beeilen, denn meine Erinnerung an dieses Abenteuer gleicht schon jetzt einem Puzzle mit fehlenden Teilen. Na gut, dass die Seilbahn hoch zum Mont-Blanc 189 Euro gekostet hat, werde ich vermutlich mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen. Aber das war ja auch vor dem Wettkampf…

Beginnen wir in der zweiten Nacht. Also zu einem Zeitpunkt, als ich schon längst im Ziel sein wollte. Aber eben nicht war…

Es ist 2 Uhr morgens und ich bin seit über 30 Stunden auf den Beinen. Am letzten Berg, hoch nach La Flégére, es sind nur 5 Kilometer und vielleicht 700 Höhenmeter, bin ich zum ersten Mal ein bisschen verzweifelt. Die Müdigkeit und das Dunkel der Nacht spielen mit meiner Wahrnehmung. Ihr denkt jetzt an bunte Steine. Nein. Die gibt es natürlich nur in den Dolomiten. Hier sind es überwiegend weiße Steine, die mich mit grotesk verformten Mündern und scheelen Augen anblicken. Zum Glück weiß ich seit dem ALPENX100 aber mit Halluzinationen umzugehen. Kurz: Ich führe keine Gespräche mit den Steinen.

Was mich viel mehr belastet ist die Strecke: Nach dem ersten Anstieg bewegen wir uns entlang der Bergkante. Das Terrain ist verflixt schwierig zu laufen. Vielleicht das technisch anspruchsvollste Gelände des ganzen Rennens. Und ich habe den Eindruck, dass wir uns nicht fortbewegen – besser gesagt: im Kreis laufen. Verdammt, für so einen Scheiß bin ich zu lange unterwegs und viel zu müde! Ich will hier raus!

*

Zwei Tage zuvor beginnt das Rennen aber genauso, wie ich es mir vorgestellt habe. Gemeinsam mit 2500 Athleten stehe ich im Startbereich in Chamonix. Es sind so viele Läufer, ich kann mich keinen Zentimeter bewegen. Am einen Ende winkt Bernd Zwinger – Kersten Leich steht lächelnd ein paar Meter hinter mir. Florian Grasel direkt an der Startlinie bei den Profis. Alle zählen die Minuten. Und dann geht es auch schon los. Unter Vangelis’ Conquest of Paradise und mit feuchten Augen setzen wir uns in Bewegung. Hinein in ein Abenteuer, von dem keiner weiß, egal ob Rookie oder Pro, wie es enden wird.

Freilich laufe ich wieder viel zu schnell los. Aber die ersten 8 Kilometer sind flach und ich möchte das dichte Feld möglichst rasch verlassen, um beim ersten Anstieg in keinem Stau zu landen – was mir auch gelingt. Und der erste 2000er bis Saint-Gervais ist auch schnell bewältigt.

Auf den nächsten 25 Kilometern geht es dann auch schon in die erste Nacht – und stets bergan bis auf 2.500 Höhemeter. Der Col du Bonhomme wartet auf uns. Mit der Nacht kommt Regen und ich wickele mich ein in meine dünne Regenjacke. Ich fühle mich gut und genieße den Klang des Regens auf meiner Kapuze. So kann es weitergehen! Und das tut es auch. Allerdings hätte ich die Warnungen einen Deut ernster nehmen sollen. Mit jedem Höhenmeter wird es nämlich empfindlich kälter. Und der Anstieg nimmt kein Ende. Zum Regen gesellt sich ein scharfer Wind – dann löst Schnee den Regen ab. Und die dünne Regenhaut ist diesem Wetter – welch Überraschung – nicht mehr gewachsen. Aber ich wage es nicht mich umzuziehen. Genauer gesagt: Ich wage es nicht, auch nur für eine Sekunde in dieser Höhe stehenzubleiben, um mich umzuziehen. Ich bin schweißnass und würde kurzerhand erfrieren. Also rufe ich einem Streckenposten zu: »How far to the top?«. Die Antwort: »Yes! Good job! Good job!«. Tja… Englisch ist der Franzosen Sprache nicht. Meine Fingerkuppen sind mittlerweile auch taub. Bemerkt man aber nicht gleich… weil sie ja taub sind. Fiasko! Aber dann geht es endlich doch bergab und ich freue mich total, weil ich doch nicht sterben werde! Zumindest nicht heute.

Über die nächsten zehn Kilometer erwartet uns mit dem Col de la Seigne wieder eine Anhöhe über 2500 Höhenmeter. Zumindest sehe ich das so auf der Karte. Erinnern kann ich mich an diesen Berg nämlich beim besten Willen nicht mehr. Nur so viel: Zwischenzeitig trage ich eine warme Jacke. Es ist ja nicht so, dass ich nicht lernfähig wäre.

Zwölf Stunden Später – und ohne maßgeblichen Erinnerungen seit dem Col du Bonhomme – erreiche ich bei Kilometer 80 die große Zwischenstation in Courmayeur. Ich fühle mich sehr gut. Gesamtrang 102 und so gut in der Zeit, dass ich mich für 45 Minuten schlafen lege.

Mein Ziel – neben dem Finish – wäre es ja an sich gewesen, den UTMB in unter 30 Stunden zu bewältigen. Und wenn man die ersten 80 Kilometer in 12 Stunden packt, denkt man sich natürlich zurecht, dass man die noch fehlenden 90 Kilometer wohl in 18 Stunden meistern wird. Aber man denkt ja grundsätzlich sehr viel. Nun ja. Es ging sich nicht aus.

Nach der Pause in Courmayeur folgte der nächste Anstieg auf ca. 2000 Höhenmeter, wo ich zweimal sehr heftig erbrechen musste. Zu deutsch: speiben. Daran kann ich mich gut erinnern. Denn an negative Dinge erinnert man sich ja meistens ewig. Warum ich erbrechen musste? Keine Ahnung. Auf jeden Fall lagen so ziemlich alle Sachen, die ich in den letzten 6 Stunden gegessen hatte in der Wiese. Und da sollten die nun wirklich nicht sein. Ich dachte, das wäre alles längst verdaut und frische Energie! Weit gefehlt. Hinzu kam, dass ich nach dem Kotzen überhaupt keinen Appetit mehr hatte. Beim Versuch einen Müsli-Riegel zu essen, hätte ich mich fast wieder übergeben. Also ohne Essen über das Plateau weitere 12 Kilometer nach Arnouvaz.

Die nächste Etappe, 14 Kilometer über den 2600 Meter hohen Grand Col Ferret, zieht mir dann alle Nerven. Ich hatte einfach keine Energie – und das, was ich gegessen hatte, lag ja immer noch in der Wiese. Der Anstieg – hinein in einen absurden Schneesturm – dauerte ewig. Bergab treffe ich auf Bernd. Er kämpft mit brutalen Schmerzen beim Downhill-Laufen, die sich auch nicht mehr einfach mit dem Kopf wegdenken lassen – sieht leider nicht gut aus.

Ich also alleine weiter nach Fouy bei Kilometer 109. Und das war sehr nett. Denn plötzlich steht Josef Schick vor mir, der einige Tage zuvor in einer großartigen Zeit den TDS bewältigt hatte. Er macht Fotos und begleitet mich die letzten Kilometer hoch nach Champex-Lac.

Hier treffe ich dann auch wieder auf Bernd, der aber aufgrund seiner Probleme bereits aufgegeben hatte. Alle drängen mich etwas zu essen. Aber ich stochere nur lieblos in meiner Schüssel Nudeln herum und quittiere daher meine Anwesenheit mit einem: »Egal. Ich geh’ jetzt einfach den nächsten Berg hoch!«

Davor liegen aber noch 8 Kilometer Asphalt und flacher Waldweg, die ich richtig genieße und mit flotter Pace erledige. Vielleicht zu schnell. Denn mit Kilometer 130 beginnt das große Finale: Drei Berge, 40 Kilometer, 2.500 Höhenmeter. Und diese drei Berge hatten es wirklich in sich. Steile Uphills, technische Downhills, schlammige Serpentinen, Japaner, Dunkelheit, Kälte, brennende Fußsohlen. Aber das ist dann alles irgendwie auch schon egal.

Und wie auch immer: Irgendwann erreiche ich dann doch die letzte Anhöhe in La Flégére – ich bin also doch nicht im Kreis gelaufen – mache aber nur kurz Halt. Das Ziel ist zum Greifen nah! Also ein letztes Mal von den großartigen Helfern verabschieden, die letzten 8 Kilometer Downhill nach Chamonix vor Augen. Yes, Baby!

Und dann ist es kurz nach 6 Uhr morgens. Chamonix schläft. Ganz Chamonix? Nein, ein harter Kern an Fans, darunter Josef Schick, meine Familie, Helfer und einige Finisher sind zugegen und begleiten mich die letzten Meter ins Ziel, das ich nach 35 Stunden, 48 Minuten und 49 Sekunden erreiche. Heilige Scheiße, war das weit! Diesen Lauf will ich nie wieder machen. Mit anderen Worten: Erst wieder 2019.

*

Ja. Alles gut und schön. Aber wie war es jetzt? Großartig natürlich! In diesen zwei Tagen, über so eine lange Distanz, ist man aus der Zeit. Aus dem Raum. Du bist ein anderes ich, an einem Ort, der sonst niemandem zugänglich ist. Deine Reise unterliegt Gesetzen, die keiner kennt – Gesetzen, die nicht greifbar sind. Es gibt keine Konstanten. Selbst der Tag hat keine 24 Stunden. Auf nichts ist Verlass. In diesen Kosmos einzutauchen, das ist der Grund, warum wir es machen. Und einen Vogel haben wir vermutlich auch. Einen Kleinen.

24 Gedanken zu “MEIN UTMB 2017

  1. Herzlichen Glückwunsch nochmal. Fantastische Leistung. Und es wär ja alles nicht so schlimm, wären da nicht die Japaner… 😜

  2. Beeindruckende Leistung! Einfach großartig! Herzlichen Glückwunsch und danke für den Bericht!

  3. Toller Bericht, Glückwunsch zum Finish. Und es sind ja gerade die Läufe, bei denen nicht alles glatt läuft, die uns in Erinnerung bleiben und aus denen man am meisten lernt.

  4. Meine Hochachtung und vielen Dank für diesen wunderschön geschriebenen Beitrag.
    Und für Laufanfänger immer wieder unglaublich und beeindruckend was der Mensch zu leisten im Stande ist.

  5. Wahnsinn, einfach nur Wahnsinn! Ich versuche mir das Ganze ansatzweise vorzustellen, liege wohl aber meilenweit daneben. Ich finde solch eine Leistung echt beeindruckend. Chapeau!

  6. Erst 2019 😂
    Sauber, Demeter! Hoffe, der Jetlag in unsere normale Zeitrechnung ist nicht zu hart ausgefallen. Gute Erholung!

  7. Herzlichen Glückwunsch zum Finish. Großartiger Bericht, wunderbar emotional und mitreißend! Da bekomme ich direkt Lust, so etwas auch mal zu erleben.

  8. Danke für Deinen Bericht – wir hatten „live“ mitgefiebert und konnten nun den kompletten Lauf wirklich „miterleben“. Wahnsinn! Klasse! Super gemacht! Glückwunsch zum Finish. Und das kennen wir auch: „Nie wieder im Ziel“. 2 Tage später – wann ist nochmal Anmeldestart fürs nächste (übernächste) Jahr? 🙂

  9. Geiles Ding! Herzlichen Glückwunsch zum Finish!
    Dann wirst du also 2019 wieder an der Startlinie stehen…dafür schon mal jetzt alles Gute.

    Lass bloß die GIS ganz bis dahin! 😉

  10. Super! Genau so habe ich es auch erlebt, allerdings habe ich es fast 6 Stunden länger ‚genießen dürfen‘. Toller Text, schöner kann man es nicht schreiben. Glückwunsch!

  11. Krass! Eine unglaubliche Leistung, Glückwunsch zum Finish trotz all der Strapazen und Entbehrungen.

    Dieses Gefühl ausserhalb von Raum und Zeit zu sein kenne ich durch meine Trainings sehr gut. Sehr krass das!

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