GROSSGLOCKNER ULTRA-TRAIL

Die Kinder winken mir von der Rudolfshütte aus zu. Seit knapp 14 Stunden bin ich auf den Beinen. 82 Kilometer und knapp 5.000 Höhenmeter liegen hinter mir. Das Schlimmste ist geschafft. »Papa, du darfst jetzt nicht aufgeben«, ermahnt mich meine 9-jährige Tochter. Vor dem Start galt ihre größte Sorge meinem körperlichen Wohlergehen. Nunmehr will sie mich in den Tod schicken. So schnell ändern sich Prioritäten. Aber ich habe den Wettkampf innerlich längst abgeschlossen. »Nummer 226 steigt aus«, melde ich beim Streckenposten. Der ist sichtlich verwirrt. Ich sähe ziemlich frisch aus. Nun ja, darüber lässt sich streiten…

***

14 Stunden zuvor. Es ist 23 Uhr. 400 Läufer warten in Kaprun auf den Startschuss des vielleicht härtesten Trail-Laufs in Österreich. Dem Großglockner Ultra-Trail. Kurz: GGUT. Zweimal habe ich den Lauf bereits ins Ziel gebracht. Doch heute, gleich nach dem Start, fühlen sich meine Beine nicht kräftig an. Und gegen meine Gewohnheit nehme ich bereits beim ersten Anstieg die Laufstöcke zur Hand. Mit denen klappt der Lauf über die ersten Berge bis hin zur ersten Labe bei Kilometer 23 dann überraschend gut. Vielleicht zu gut. Denn das Tempo ist – für einen 110 Kilometer-Lauf – ein klitzeklein wenig zu schnell. Und meine Beine fühlen sich immer noch wie löchrige Schwimmflügel an. Bei Kilometer 30 erwartet uns dann die erste richtige Wand: Die Untere Pfandlscharte. Es geht auf über 2.500 Höhenmeter. Die letzten 500 Meter ein Schneefeld. Ich im Saucony Nomad – bescheidenes Profil. Eh klar: An Schnee hatte ich nicht gedacht. Es ist schließlich Sommer. Dank der beiden Stöcke bezwinge ich aber auch diese Hürde fast spielerisch. Neben den matschigen Beinen ist mir mittlerweile aber auch noch übel. Und zwar so übel, dass ich weder trinken noch essen kann. Beim Glocknerhaus beschränke ich mich auf eine halbe Scheibe Brot. Üppig. Kurz darauf die nächste Unbill: Einer meiner Carbon-Stöcke bricht. Ich halte die traurigen Überreste in meinen Händen – als wär’s ein toter Hamster. Und möchte weinen. Die nächsten beide Berge versuche ich mit nur einem Stock zu laufen. Aber das bringt maximal einen patenten Hüftschaden. Meine Laune befindet sich auf Meereshöhe. Ich mich allerdings auf über 2800 Höhenmetern.

Kilometer 62 – Kals

Aber es geht weiter: Die Strecke bis Kals ist weit, hart und ungerecht. Ich hatte das ja völlig vergessen. Oder verdrängt. Kurz nach 9 Uhr erreiche ich das Tal dann aber doch und ersuche meine Familie mich abzuholen. Die haben dazu aber wenig Lust. Erstens würde man gerade lecker frühstücken – und zweitens sei die Fahrt von Kaprun nach Kals aufgrund der Gebirge eine Katastrophe. Liebe. Aber ich will nicht mehr weiter. Die Beine sind immer noch leer. Mir ist immer noch übel. Und auch in Kals beschränke ich mich auf zwei Becher Tee. Ein Nüchtern-Ultra-Lauf. Best idea ever! Ich habe die Nase voll. Zudem stehe ich im Training für den UTMB. Start in 6 Wochen. Absolute Priorität! Aber dann kommen Alexander Steidl und Daniela Karigl in die Labe – und Alex überredet mich weiterzulaufen.

***

Sehen wir der Wahrheit ins Auge. Die Idee war suboptimal. Aber nachdem mich meine Familie – nach dem Frühstück – zumindest von der Rudolfshütte abzuholen bereit ist, sattle ich den Rücksack und mache mich mit den Beiden auf den Weg. Von Kilometer zu Kilometer werden meine Beine – noch – schwerer. Alex und Daniela füttern mich mit Astronautennahrung. Aber es ist zu spät. Ich habe seit 12 Stunden und 70 Kilometern nichts ordentliches gegessen. Das kann ja nicht gutgehen. Ich lasse die beiden ziehen und kämpfe mich alleine über den Kalser Tauern. Fünf Schritte bergauf. 30 Sekunden Pause. Fünf Schritte bergauf. 30 Sekunden Pause. Ja. Das dauert.

***

Und das ist dann schon das Ende dieser allertraurigsten Geschichte! Nein. Mit Blick auf den UTMB war der Abbruch für mich kein Drama. Ein 82 Kilometer Trainingslauf mit 5.000 Höhenmetern ist ja auch kein Kindergeburtstag. Und der Fokus gilt dieses Jahr nunmal dem UTMB. Und dort gibt es kein Aufgeben. Komme was wolle!

 

 

 

15 Gedanken zu “GROSSGLOCKNER ULTRA-TRAIL

  1. Hallo Demeter,
    herzlichen Glückwunsch zu dieser Leistung. Sicher ein DNF aber im Blick auf den UTMB kein Beinbruch, wie du selber schreibst. Ich bin von deinen Leistungen immer wieder beeindruckt. Und 82km mit 5000hm heißt ja auch das du beim „Hochkönigman“ im Ziel gewesen wärst.
    Für den UTMB alles Gute und dann einen für dich traumhaften Zieleinlauf.

    1. Danke Dir! Ja, ich wollte einfach nicht eine Woche Training verlieren, nur um mir zu beweisen, dass ich ins Ziel kommen kann. Denn das wäre schon irgendwie gegangen. Und dass ich gestern und heute schon wieder auf meinem Hausberg, der Gis, trainiere, zeigt, dass die Entscheidung nicht ganz falsch war. Liebe Grüße!

  2. Dass du ohne Verpflegung überhaupt so weit gekommen bist ist schon ein Wunder. Man muss nicht jeden Wettkampf durchziehen. Als Training war das sicher mehr als genug. Also: Alles richtig gemacht! Gute Erholung.

    1. Hihi! Mein definitiv längster Lauf mit fast nix im Magen. Außer Bauchweh. Dafür habe ich sicher 1 kg Körperfett abgenommen. Auch kein Fehler. Bin eh noch zu dick im Moment 🙂

  3. Was für eine traurige Geschichte, aber mit Hinblick auf dein Vorhaben doch ein Happy End. So einen Trainingslauf bestreitet man nicht alle Tage. Meine Hochachtung. Das Stöckchen- und Verpflegungsdilemma haben es noch dazu keinen leichten Lauf werden lassen. Dann mal alles Gute für die weitere Vorbereitung.

  4. Traurig wäre gewesen, wenn jmd. anderes für dich deinen DNF entschieden hätte. So hast du absolut richtig und im Sinne deiner Ziele gehandelt. Das ist nicht traurig, sondern großartig. Kopf hoch und Fokus auf den UTMB. Alles Gute dafür!

    Viele Grüße
    Daniel

    1. Danke! Ich bin schon so gespannt auf den UTMB! Nach dem IRONMAN Hawaii im Jahr 2014 sicher der „größte“ Wettkampf, den ich je angepeilt habe. In einem Monat geht’s schon in Richtung Chamonix!

  5. Trotzdem noch eine super Leistung…Hut ab!
    Diese Strecke hat es echt in sich und ich habe mehrmals geflucht und mit mir gerungen.

    Für den UTMB sind die Daumen schon jetzt fest gedrückt!

    1. Ha ha! Allerdings. Das ist die fieseste Strecke, die ich überhaupt kenne! Der Streckenabschnitt vom Glocknerhaus bis Kals: Ich dachte, ich käme NIE an! Und dann der Kalser Tauern. Und überhaupt: Von Kilometer 1 bis 110 ein Irrsinn! 🙂 Liebe Grüße, Demeter!

  6. Nicht schön, aber am Ende sicherlich dann im Hinblick auf den UTMB keine schlechte. Darauf jetzt Konzentration, es geht ohnehin immer weiter. Bei dir sowie, mache ich mir keine Sorgen. Daumen sind natürlich gedrückt 😉 vg

    1. Hej! Danke Dir! Und jawohl: Immer weiter! Angst und Freude vor dem UTMB halten sich die Waage. Ach was. Die Freude überwiegt. Aber ich bin froh, dass ich noch ein paar Woche bis zum Start habe 🙂
      Liebe Grüße!

  7. Hallo, trotz des DNF eine super Leistung – und die Entscheidung war sicher richtig. Ich wünsche Dir eine gute Vorbereitung auf den UTMB!

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